Ich bin in einer bürgerlichen Kleinstadt aufgewachsen. Die Strukturen waren klar, die Rollenbilder klassisch, das Umfeld geprägt von Ordnung und Verlässlichkeit.
Musik war früh mein eigener Raum. Ich habe mein Abitur in Musik gemacht, in einer Bigband gespielt und Klavier gelernt, nicht aus Disziplin, sondern aus Liebe zu diesem Instrument. Über Musik konnte ich ausdrücken, was sich nicht in Worte fassen ließ. Diese Erfahrung begleitet mich bis heute.
Nach dem Abitur ging ich für sieben Monate als Au-pair nach Dublin. Drei Mädchen, eine lebendige Familie, viel Alltag, wenig Plan. Dort habe ich nicht nur Irish English gelernt, sondern sehr konkret erfahren, wie sehr Sorgearbeit ein Leben bestimmt. Für mich war danach klar: Kinder ja – aber nur in einer Partnerschaft, in der Verantwortung wirklich geteilt wird. Diesen Partner habe ich gefunden. Aus einer Begegnung im Auslandsstudium wurde bald eine gemeinsame Entscheidung. Unser erstes Kind kam geplant noch während meines Studiums zur Welt.
Als mein Sohn drei Monate alt war, begann ich eine Ausbildung zur Chorleiterin, die ich ein Jahr später abschloss. Erste Anfragen folgten schnell. Mein Studium der Lebensmitteltechnologie an der TU München habe ich dennoch konsequent beendet und mein Diplom in Regelstudienzeit erworben. Diese Zeit war fordernd. Ich habe viel getragen, oft zu viel. Auch die Geburt meines Kindes war keine leichte Erfahrung, sondern eine, die Grenzen verletzt und lange nachgewirkt hat. Dennoch gehört sie zu meinem Weg.
Während des Studiums leitete ich zunächst einen Gospelchor, später den Freisinger Sängerhort. Der Chor stand damals kurz vor dem Aus. Er war in einen „Seniorenchor“ und einen sogenannten Leistungschor aufgeteilt worden – eine Entscheidung, die viele Sänger, die den Chor über Jahrzehnte getragen hatten, tief getroffen hatte. Ich habe den Chor wieder zusammengeführt. Gemeinsam mit meiner Freundin und damaligen Vorständin Marina Fontain ist es gelungen, den Chor zu stabilisieren und 125 Jahre Chorgeschichte mit einem Jubiläumskonzert vor ausverkauftem Haus zu feiern. Diese Zeit hat mich viel über Gemeinschaft gelehrt – darüber, was entsteht, wenn Menschen wieder als Ganzes gesehen werden.
Nach dem Studium folgte Ernüchterung. Meine Qualifikation verlor an Gewicht, sobald im Bewerbungsgespräch klar wurde, dass ich Mutter bin. Hinweise auf gleichberechtigte Elternschaft änderten daran wenig. So führte mich mein Weg in die Metzgerbranche – eher aus Umständen heraus als aus Planung. Bis dahin hatte ich überwiegend vegetarisch gelebt. Bevor ich mich entschied, wollte ich Schlachtung und Verarbeitung selbst sehen. Drei Wochen lang habe ich mir ein eigenes Bild gemacht.
Was ich dort erlebt habe, war vielschichtig. Die Arbeit ist körperlich hart. Viele der Menschen, denen ich begegnet bin, arbeiten mit großer Ernsthaftigkeit und Respekt. Besonders die Schlachtung hat mich beschäftigt. Sie wird von den ruhigsten Menschen übernommen. Stress ist spürbar – für Tier und Mensch. Dort habe ich zum ersten Mal sehr deutlich erlebt, dass Würde nicht am Ende des Lebens aufhört. Diese Erfahrung hat meine Fragen nicht beantwortet, aber vertieft. Ich bin überzeugt, dass ein würdevoller Umgang mit Tieren möglich ist – und dass er an Grenzen stößt, sobald industrielle Logik dominiert.
2021 habe ich mich selbstständig gemacht und ein Ingenieurbüro für Hygiene- und Qualitätsmanagement gegründet. Ich begleite vor allem kleine Betriebe bei behördlichen Anforderungen und arbeite an Projekten zur regionalen Lebensmittelversorgung. Regionale Kreisläufe sind für mich eine Zukunftsfrage. Wissen über Versorgung, Verarbeitung und Verantwortung darf nicht verloren gehen. Abhängigkeit macht verletzlich – gerade in Zeiten von Krisen, Krieg und Klimawandel.
Mein viertes Kind kam während meiner Selbstständigkeit zur Welt. Ohne Sicherheiten, mitten im Aufbau. Die Wochen des Wochenbetts habe ich mir genommen. Danach folgten große Projekte: Studien zu regionalen Schlachtkapazitäten, ein Forschungsprojekt zur mobilen Schlachtung, der Aufbau einer regionalen Schlachtgemeinschaft.
Heute stehe ich hier: vier Kinder, ein laufendes Ingenieurbüro, Klettern als Ausgleich – und Memorypaths.
Mich beschäftigt seit vielen Jahren, wie Menschen mit Abschied, Tod und Erinnerung umgehen. Nicht als Konzept, sondern aus eigener Erfahrung. Beziehungen enden für mich nicht einfach mit dem Tod. Wie sich Verbindung danach zeigt, entzieht sich jeder festen Beschreibung. Aber über Erinnerung, über Stimme, über gemeinsames Erleben kann sie spürbar werden.
Memorypaths ist aus diesem Erleben entstanden. Aus der Arbeit mit Erinnerungssteinen, Amuletten und dem freien Singen. Als Räume, in denen Erinnerung Gestalt annehmen darf. Still oder klingend. Allein oder gemeinsam.
